07 / 1996 - noisy dither
Ich gehe inzwischen ins Internet, ohne groß darüber nachzudenken. Das ist neu.
Was mir auffällt, ist nicht mehr die Verbindung. Es sind die Seiten selbst.
Alles bewegt sich. Navigationselemente blinken. Pfeile animieren sich, um mir zu zeigen, dass sie wichtig sind. Manche Seiten spielen Musik ab, ohne zu fragen. MIDI-Dateien, die endlos laufen, bis ich das Browserfenster schließe.
Farben stehen nebeneinander, als hätten sie sich zufällig getroffen. Schriftarten wechseln mitten im Satz. Manchmal sogar mitten im Wort.
Ich erkenne Muster. Die gleichen animierten GIFs tauchen auf völlig unterschiedlichen Seiten auf. Flammen. Baustellenschilder. Zählwerke, die mir erklären, dass ich Besucher Nummer 12.487 bin - und Nummer 12.488, wenn ich neu lade.
Individualität sieht plötzlich sehr ähnlich aus.
GeoCities fühlt sich voller an. Nicht dichter. Nur voller. Mehr Seiten, mehr Inhalte, mehr Klicks - aber weniger Orientierung.
Ich klicke länger und finde weniger. Nicht, weil es nichts gibt, sondern weil alles gleichzeitig da ist.
Yahoo wird wichtiger. Nicht aus Begeisterung, sondern aus Notwendigkeit. Ich beginne, Seiten über Verzeichnisse zu betreten statt über Neugier. Das fühlt sich effizient an. Und ein wenig ernüchternd.
Java Applets tauchen häufiger auf. Sie bewegen Texte, Fenster und manchmal Dinge, die sich besser nicht bewegen sollten. Sie brauchen Geduld. Und sie verlangen Aufmerksamkeit.
Das Internet fühlt sich nicht mehr klein an. Aber auch nicht übersichtlich.
Ich bleibe trotzdem. Vielleicht, weil ich wissen will, wie weit das noch geht. Oder weil ich hoffe, dass sich irgendwann jemand traut, weniger zu machen.